Deutscher Gewerkschaftsbund

01.06.2018
DGB-Rentenkonzept

Schluss mit Kürzungen bei der Rente!

Bei der Rente vertrete der Deutsche Gewerkschaftsbund falsche Ideen, schrieb ZEIT-Redakteur Roman Pletter kürzlich. Doch er irrt, sagt DGB-Vorstand Annelie Buntenbach in ihrer Erwiderung.

Annelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied

DGB/Simone M. Neumann

Von Annelie Buntenbach

Der Beitrag ist in der ZEIT vom 30. Mai 2018 erschienen.

Kürzen, kürzen, kürzen – das ist seit mehr als 30 Jahren das Motto der Rentenpolitik: Langjährig Versicherte konnten früher mit 60 Jahren ohne Abschläge in Rente gehen. Heute liegt die Latte bei 65 Jahren und sieben Monaten und soll weiter auf 67 Jahre angehoben werden. Bei schlecht bezahlter Arbeit wird der Lohn für die Berechnung der Rente nicht mehr aufgewertet. Zeiten der Schul- und Hochschulausbildung erhöhen die Rente nicht mehr. Bei Langzeitarbeitslosigkeit werden keine Rentenbeiträge mehr gezahlt, Berufsunfähigkeit wird nicht mehr abgesichert. Außerdem sinkt das Rentenniveau, das heißt, die Rentenansprüche der Jungen und die Renten der Alten verlieren gegenüber den Löhnen an Wert.

"Was ist daran ausgewogen, wenn immer mehr Ältere mit einem kleineren Teil des Wohlstands auskommen sollen?"

Wegen dieser Kürzungsorgie liegt der Beitragssatz bei 18,6 Prozent – so niedrig wie seit 23 Jahren nicht mehr. Seit 1995 ist die Zahl der Rentnerinnen und Rentner aber um fast sechs Millionen auf heute 21 Millionen gestiegen. Die Kürzungen sollten die Lasten gerecht auf "Jung" und "Alt" verteilen. Aber was ist daran ausgewogen, wenn immer mehr Ältere mit einem kleineren Teil des Wohlstands auskommen sollen? Gesucht ist eine politische Lösung, keine mathematische, da kein mathematisches Rätsel vorliegt. ZEIT- Redakteur Roman Pletter liegt deshalb mit seiner Kritik am DGB falsch.

Allein das sinkende Rentenniveau hat dramatische Folgen: Für eine Rente von netto gut 800 Euro – die Höhe der Grundsicherung – muss man bei 2.200 Euro Lohn brutto im Monat heute rund 38 Jahre arbeiten. Läge das Rentenniveau bereits heute bei 41 Prozent (der Zielmarke für das Jahr 2045), wären es 45 Jahre. Sieben Jahre länger arbeiten, so wirkt das sinkende Rentenniveau faktisch. Zusätzlich steigt das abschlagsfreie Regelalter auf 67 Jahre. Arbeitgebervertreter, Teile der CDU/CSU, Wirtschaftswissenschaftler und der Bundesbankpräsident wollen es weiter erhöhen. Alle argumentieren mit der steigenden Lebenserwartung. Die bedeutet aber nicht automatisch, fit für den Job zu sein oder einen Arbeitsplatz zu bekommen.

"Wollen wir das Modell 'Flaschen sammeln' oder das Modell 'Altern in Würde'?"

Vor allem die künftigen Generationen zahlen die Zeche, wenn alles so weitergeht. Der Beitragssatz würde zwar weniger steigen, aber dafür erwartet die Jungen später eine erheblich schlechtere Absicherung. Die Kosten einer guten Alterssicherung können nicht wegreformiert werden: Niedrigere Beiträge bedeuten weniger Rente – erst recht wenn die Zahl der Rentenbeziehenden steigt. Wegreformiert wurde eine angemessene Alterssicherung, zu Lasten der Jungen wie der Alten. Entlastet wurden vor allem die Arbeitgeber. Das mag Wirtschaft und Ökonomen freuen, als Gesellschaftsmodell taugt diese Strategie nicht.

Die Politik muss den Mut aufbringen, eine falsche Entscheidung zu korrigieren, die Anfang des Jahrtausends getroffen wurde. In einem der reichsten Länder der Welt müssen wir die Frage beantworten, wollen wir das Modell "Flaschen sammeln" oder das Modell "Altern in Würde"? Was verstehen wir unter guter Alterssicherung? Dabei sind Manager oder Professoren nicht der Maßstab. Die können privat etwas beiseite legen. Es geht um diejenigen, die sich fragen, wie sie die neue Waschmaschine oder die Klassenfahrt der Kinder bezahlen sollen. Auch sie haben Anspruch auf soziale Sicherheit im Alter. Auch diese Fragen zu beantworten ist Aufgabe der Rentenkommission.

Wenn Professor Axel Börsch-Supan, ein Mitglied der Kommission, Zahlen in die Welt setzt, mit denen er ein stabiles Rentenniveau für "unbezahlbar" erklärt, schürt er Panik und handelt wissenschaftlich fragwürdig. Bei ihm sehen die Ausgaben doppelt so hoch aus, weil er die realen Rentenerhöhungen der kommenden 40 Jahre einrechnet. Aber in dieser Zeit würden sich auch die Löhne verdoppeln, real wäre die Belastung halbiert.


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