Deutscher Gewerkschaftsbund

24.08.2016
Gesetzliche Krankenversicherung

DGB-Studie: Gesundheitskosten sind extrem ungleich verteilt

DGB fordert Rückkehr zur paritätischen Finanzierung

Nach Schätzungen des GKV-Spitzenverbands werden die Kosten im Gesundheitswesen in den nächsten Jahren um 19 Milliarden Euro steigen. Wenn sich an der aktuellen Gesetzeslage nichts ändert, müssen dafür ausschließlich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aufkommen. Auf Durchschnittverdiener kommen allein durch die Zusatzbeiträge der Krankenkassen Mehrkosten von bis zu 855 Euro im Jahr zu. Das hat eine neue DGB-Studie ergeben.

Patient reicht Arzthelferin eine Krankassenkarte

DGB/racorn/123rf.com

Abschied von der paritätischen Finanzierung

Gedacht war das mal ganz anders: Bei der Wiedereinführung der Sozialversicherung in der Bundesrepublik Deutschland wurde die Parität bei den Beträgen beschworen. Weil es sich um Erträge handele, die der Wirtschaft entnommen seien, seien die Sozialpartner gemeinsam dafür verantwortlich.

Davon ist heute keine Rede mehr: Im Jahr 2005 hat die damalige Bundesregierung die paritätische Beitragsfinanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) abgeschafft und einen Sonderbeitrag für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eingeführt. Dieser wurde 2011 in einen monatlichen Zusatzbeitrag umgewandelt – und gleichzeitig der Arbeitgeberbeitrag bei 7,30 Prozent eingefroren.

Zusatzbeiträge steigen weiter

Seit 2015 darf jede Krankenkasse, deren Ausgaben nicht durch die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds abgedeckt werden, von ihren Mitgliedern einen Zusatzbeitrag verlangen und die Höhe individuell festlegen. Im Schnitt zahlen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer heute rund 8,4 Prozent ihres Bruttoeinkommens an die Gesetzliche Krankenversicherung, die Arbeitgeber nach wie vor 7,30 Prozent. 

Aktuell liegt der Zusatzbeitrag, den Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen an ihre Krankenkasse abführen, im Schnitt bei 1,1 Prozent. Durchschnittsverdiener haben dadurch rund 358 Euro pro Jahr weniger in der Tasche. Und: Experten rechnen damit, dass die Mehrbelastung in den kommenden Jahren weiter deutlich steigen wird.

Grafik Entwicklung der Arbeitnehmer-Zusatzbeiträge

(DGB-Darstellung; Quelle: Memorandum 2016; eigene Berechnungen)

Immer mehr Kosten müssen privat getragen werden

Ein weiterer Punkt: Nicht nur die Beiträge zur Gesetzlichen Krankenversicherung steigen, sondern auch die übrigen Gesundheitskosten. In den letzten Jahrzehnten wurden viele Leistungen aus der Gesetzlichen Krankenversicherung ausgegliedert, zum Beispiel Zahnersatz für Erwachsene oder die Pflegeversicherung. Immer mehr Kosten für Dienstleistungen, Arzneimittel oder Heil- und Hilfsmittel müssen von abhängig Beschäftigten privat getragen werden. Im Jahr 2014 waren das bereits 43,19 Milliarden Euro.

Grafik Weitere Gesundheitsausgaben in Milliarden Euro

(DGB-Darstellung; Quelle: Gesundheitsausgabenrechnung des Bundes 2014, Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen)

Ungerechte Verteilung der Lasten

Rechnet man beide Punkte – die Aufwendungen für Sozialversicherungen und die weiteren Gesundheitsausgaben – zusammen zeigt sich, wie ungleich die Lasten verteilt sind: Arbeitgeber zahlen 74,28 Milliarden Euro, Arbeitnehmer 137,15 Milliarden Euro.

Grafik Gesundheitsausgaben in Prozent

(DGB-Darstellung; Quelle: Gesundheitsausgabenrechnung des Bundes 2014, Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen)

Beschäftigte müssen dringend entlastet werden

Um diese strukturell ungerechte Lastenverteilung zu beenden fordert der DGB die Regierungskoalition auf, umgehend zur paritätischen Finanzierung der GKV-Beiträge zurückzukehren. Nötig ist außerdem ein Versicherten-Stärkungsgesetz in der GKV, in dem finanzielle Lasten und Entscheidungskompetenzen gerechter geregelt werden. So muss zum Beispiel klar getrennt werden zwischen staatlichen Aufgaben, die aus Steuern finanziert werden, und Sozialversicherungsaufgaben, die aus Beiträgen finanziert werden. Längerfristig strebt der DGB die Einführung einer Bürgerversicherung in der GKV an.


 


Spiegel Online: Krankenkassenbeiträge: Arbeitgeber oder Arbeitnehmer: Wer zahlt mehr für die Gesundheit?


Nach oben

Newsletter bestellen

Sie können unsere aktuellen Informationen über unsere Webseite abonnieren – schnell und bequem.

Zum Bestellformular

Themenverwandte Beiträge

Pressemeldung
Buntenbach: Schluss mit unseriöser Finanzierung von Gesundheitskosten
DGB-Vorstand Annelie Buntenbach kritisiert den Plan von Gesundheitsminister Gröhe, aus dem Gesundheitsfonds allgemeine Gesundheitskosten zu decken. "Mit dem erneuten Griff in den Gesundheitsfonds, greift der Gesundheitsminister direkt auf die Rücklagen der Krankenkassen zu", so Buntenbach. Dieser "Finanzierungskniff" sei unfair und unseriös. Zur Pressemeldung
Artikel
Gesetzlich Versicherte müssen dringend entlastet werden
Die gesetzlichen Krankenkassen rechnen damit, dass die Zusatzbeiträge in den nächsten Jahren weiter steigen werden. Selbst bei vorsichtiger Schätzung kostet das die Versicherten im Schnitt 571 Euro mehr pro Jahr, sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach - und fordert die Politik auf, die Versicherten endlich zu entlasten. weiterlesen …
Artikel
"Arbeitgeber müssen mit in die Verantwortung"
Experten warnen: Die Zusatzbeiträge zur Gesetzlichen Krankenversicherung werden in Zukunft deutlich steigen, auf Durchschnittsverdiener kommt eine Mehrbelastung von über 50 Euro im Monat zu. Um das zu verhindern muss die Bundesregierung umgehend die paritätische Finanzierung der Kassenbeiträge wieder einführen, fordert DGB-Vorstand Annelie Buntenbach. weiterlesen …

Weitere Themen

Co­me­di­an In­go Ap­pelt über den Hu­mor der Ge­werk­schaf­ter
Felix Rachor
Ingo Appelt war vor seiner Zeit als Comedian gewerkschaftlich engagiert. Im einblick-Interview erzählt er, warum die Betriebsratswahlen 2018 wichtig sind und wie es um den Humor der GewerkschafterInnen bestellt ist.
weiterlesen …

ein­blick - DGB-In­fo­ser­vice kos­ten­los abon­nie­ren
Mehr online, neues Layout und schnellere Infos – mit einem überarbeiteten Konzept bietet der DGB-Infoservice einblick seinen Leserinnen und Lesern umfassende News aus DGB und Gewerkschaften. Hier können Sie den wöchentlichen E-Mail-Newsletter einblick abonnieren.
zur Webseite …

Das än­dert sich 2018 für Ar­beit­neh­mer und Ver­si­cher­te
Colourbox.de
Am 1. Januar 2018 treten neue Gesetze und Regelungen in Kraft. Unter anderem beim Mutterschutz und in der betrieblichen Altersversorgung. Was ändert sich noch für Arbeitnehmerinnen, Arbeitnehmer und Versicherte? Eine Übersicht.
weiterlesen …

Themenverwandte Beiträge

Pressemeldung
Buntenbach: Schluss mit unseriöser Finanzierung von Gesundheitskosten
DGB-Vorstand Annelie Buntenbach kritisiert den Plan von Gesundheitsminister Gröhe, aus dem Gesundheitsfonds allgemeine Gesundheitskosten zu decken. "Mit dem erneuten Griff in den Gesundheitsfonds, greift der Gesundheitsminister direkt auf die Rücklagen der Krankenkassen zu", so Buntenbach. Dieser "Finanzierungskniff" sei unfair und unseriös. Zur Pressemeldung
Artikel
Gesetzlich Versicherte müssen dringend entlastet werden
Die gesetzlichen Krankenkassen rechnen damit, dass die Zusatzbeiträge in den nächsten Jahren weiter steigen werden. Selbst bei vorsichtiger Schätzung kostet das die Versicherten im Schnitt 571 Euro mehr pro Jahr, sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach - und fordert die Politik auf, die Versicherten endlich zu entlasten. weiterlesen …
Artikel
"Arbeitgeber müssen mit in die Verantwortung"
Experten warnen: Die Zusatzbeiträge zur Gesetzlichen Krankenversicherung werden in Zukunft deutlich steigen, auf Durchschnittsverdiener kommt eine Mehrbelastung von über 50 Euro im Monat zu. Um das zu verhindern muss die Bundesregierung umgehend die paritätische Finanzierung der Kassenbeiträge wieder einführen, fordert DGB-Vorstand Annelie Buntenbach. weiterlesen …

Zuletzt besuchte Seiten