Deutscher Gewerkschaftsbund

15.08.2012
Interview

Studium: "Bologna braucht dringend eine Kurskorrektur"

Schneller und internationaler sollte es sein, das Studium, welches vor zwölf Jahren europaweit mit der "Bologna-Reform" eingeführt wurde. Doch die guten Ziele wurden durch "die miserable Umsetzung" geradezu ins Gegenteil verkehrt, sagt DGB-Bildungsexperte Matthias Anbuhl im Interview.

Ein schnelleres, zielstrebigeres und internationaleres Studium: Das waren die Ziele der eropaweiten Bologna-Reform. Doch die Studienreform sei in wichtigen Punkten gescheitert, kritisiert der Vorsitzende der Hochschulrektorenkonferenz Horst Hippler.  Die Gewerkschaften haben die Ziele der Bologna-Reform ursprünglich unterstützt. Denn sie versprachen sich von dieser Studienreform ein Europa, in dem sich Studierende und Lehrende frei bewegen können und eine Hochschulbildung, die höchstes Niveau erreicht. Doch DGB-Bildungsexperte Matthias Anbuhl zieht eine ernüchternde Bilanz.

dgb.de: Schon vor drei Jahren protestierten die Studierenden mit Bildungsstreiks gegen die miserable Umsetzung der Bologna-Reform. Jetzt sehen auch die Hochschulrektoren wichtige Ziele verfehlt. Wie stehen die Gewerkschaften zu dieser Kritik?

Mathias Anbuhl: Die Bilanz der Bologna-Reform ist ernüchternd. Deutschland hat die guten Ziele dieser Studienreform durch die miserable Umsetzung geradezu ins Gegenteil verkehrt. Überfrachtete Stundenpläne und teils sogar gestiegene Abbrecherquoten sind Alltag an den Hochschulen. Dazu kommen hohe Hürden für das Masterstudium und auf dem Weg ins Ausland. Alle Beteiligten müssen ehrlich zugeben, dass der Bologna-Prozess schlecht läuft in Deutschland. Wir brauchen dringend eine Kurskorrektur.

Petrischale im Biologielabor

DGB/Simone M. Neumann/FH Lausitz

An deutschen Universitäten und Fachhochschulen wird auf hohem Niveau geforscht und gelehrt. Doch das deutsche Hochschulsystem ist chronisch unterfinanziert und es fehlt an Studienplätzen. Immer mehr Hochschulen beschränken den Zugang mit einem lokalen Numerus clausus.  Nur um die progonostizierten Studierendenzahlen zu bewältigen, brauchen die Hochschulen in den kommenden acht Jahren mindestens drei Milliarden Euro mehr an Einkünften.

Aber schon nach den Bildungsstreiks haben Bund, Länder und Hochschulen eine Korrektur  versprochen….

Es ist aber viel zu wenig passiert. Die Hochschulen sind noch immer chronisch unterfinanziert. Viele Studiengänge für Bachelor und Master sind längst nicht entrümpelt. Der Wechsel ins Ausland wurde nicht erleichtert und sogar innerhalb von Deutschland wird er durch tausende von Studienmodulen erschwert. Jetzt hat Bildungsministerin Annette Schavan auch noch die Nationale Bologna-Konferenz abgesagt, die für den Oktober geplant war. Ein neuer Termin steht noch nicht fest. Aber Bund, Länder und Hochschulen müssen sich dringend mit Studierenden und Gewerkschaften an einen Tisch setzen. Der Handlungsdruck ist da!

Ein Kritikpunkt ist die kurze Regelstudienzeit. Was spricht denn gegen den Bachelor in sechs Semestern?

Oft wird versucht, komplette Diplom-Studiengänge in ein sechssemestriges Bachelor-Studium zu pressen. Die Folgen sind fatal. Nur ein Beispiel: Die Universität Köln rät  in einem Merkblatt potenziellen Studierenden vom Biologiestudium ab, wenn sie mehr als 20 Stunden pro Woche arbeiten müssen. Das kompakte Studium sei mit Nebenjobs nicht zu bewältigen. Solch einen Turbo-Bachelor brauchen wir nicht!

Was sind die Alternativen?

Wir brauchen mehr Flexibilität bei der Einführung neuer Bachelor- und Master-Studiengänge. Warum muss ein Bachelor unbedingt in sechs Semestern abgeschlossen sein. Warum nicht erst nach sieben oder acht Semestern? Wir brauchen auch eine größere Durchlässigkeit zwischen Bachelor und Master. Denn immerhin 75 Prozent wollen nach dem Bachelor noch ihren Master machen – auch, weil sie sich so bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhoffen. Das dürfen weder Quote noch Note verhindern. Wir brauchen deshalb mehr Master-Plätze.

Lässt sich das überhaupt bezahlen?

Zurzeit ist sicher zu wenig Geld im Hochschulsystem. Deshalb gibt es die überfüllten Hörsäle, deshalb beschränken immer mehr Hochschulen den Zugang mit einem lokalen Numerus clausus  Und es gibt schlicht zu wenige Studienplätze. Um der aktuellen Prognose für die Studierendenzahlen gerecht zu werden, bräuchten wir bis 2020 mindestens drei Milliarden Euro mehr. Die Länder allein sind damit überfordert. Doch damit Bund die Hochschulen dauerhaft finanzieren kann, muss endlich das Kooperationsverbot im Grundgesetz gestrichen werden.

Also teilen die Gewerkschaften die Kritik des Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz?

Nicht in allen Punkten. Viele Fehler bei der Umstellung auf Bachelor und Master haben die Hochschulen selbst gemacht. Sie sind für das verschulte Studium, die überbordende Prüfungslast und die vermurkste Einführung des Turbo-Bachelors oft direkt verantwortlich. Etwas mehr Selbstkritik der Hochschulrektoren wäre schon angebracht.

Wirklich überrascht hat mich, dass ausgerechnet der Präsident der Hochschulrektoren den Fachhochschulen praktisch unterstellt, sie seien rein berufsbezogen und würden folglich nicht wissenschaftlich arbeiten. Damit erklärt Horst Hippler die FHs zu Hochschulen zweiter Klasse. Für einen Präsidenten, der auch die Fachhochschulen repräsentieren soll, ist das schon ein faustdicker Fauxpas. Im Bologna-Prozess sind wir da weiter: Der Europäische Hochschulraum kennt keine Hierarchie zwischen den Abschlüssen der Universitäten und Fachhochschulen.

Müssten sich die Gewerkschaften angesichts der negativen Bologna-Bilanz nicht für ein Ende von Bachelor und Master aussprechen?

Nein. Ein Zurück zum alten Diplom, Magister oder Staatsexamen darf es nicht geben. Wenn Deutschland aus dem Prozess aussteigt, während 45 andere Länder damit fortfahren, würde das für Studierende und Beschäftigte nichts als Nachteile bringen.  Auslandsstudien würden damit noch zusätzlich erschwert.

Der gemeinsame europäische Hochschulraum war und ist die richtige Antwort auf die Internationalisierung der Wissenschaft. Und auf die Föderalismusreform, die die bildungspolitische Kleinstaaterei in Deutschland noch zu gespitzt hat. Gerade deshalb ist es wichtig, dass die Gewerkschaften gemeinsam mit den Studierenden und den Beschäftigten an den Hochschulen für eine Reform der Reform streiten.


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